Wie helfe ich meinen Kindern oder Schüler:innen mit ihren starken Gefühlen umzugehen?

Dezember 9, 2022

Wut, Teil 2: Ist es falsch, wenn meine Kinder oder Schüler:innen (besonders auf mich!) wütend werden?

Hast du meinen letzten Blogbeitrag gelesen? Es ging um unsere Wut, mit dem Titel „Ist es wirklich falsch, meine Wut an meinen Kindern oder meinen Schüler:innen auszulassen?“ Viele Leute haben zurückgeschrieben und ich danke allen, die es getan haben. Einige erzählten ihre eigenen Geschichten über die Wut ihrer Eltern; andere haben sich  dafür bedankt, dass ich das Thema aufgegriffen habe und der Artikel ihnen Denkanstöße gegeben hat . Eine Reaktion, die ich von der erfahrenen Positive Discipline Lead Trainer Jody McVittie erhalten habe, möchte ich mit dir teilen. Sie schrieb,

Eines, was meiner Meinung nach für Eltern hilfreich wäre – etwas, das deine und meine Eltern nicht konnten –, ist, wenn die Eltern laut sagen würden: „Wow. Ich fühle mich gerade wütend und werde mich kurz zurückziehen (ein paar Mal tief durchatmen, einen kurzen Spaziergang machen usw.) und wenn ich mich ruhiger fühle, können wir dieses Problem lösen. Ich melde mich in weniger als einer Stunde wieder bei dir.“ Kinder müssen den Namen des Gefühls hören, die Schritte, die unternommen werden, und dass die Eltern darauf zurückkommen werden.

Das ist eine großartige Ergänzung zu dem, was ich letztes Mal geschrieben habe. Es lebt das vor, was die Kinder oder Schüler:innen tun können, wenn sie starke Gefühle haben.

Heute greife ich genau das auf: die Wut unserer Kinder oder unserer Schüler:innen.

Ich beginne mit dem Punkt von Jody McVittie (oben zitiert). Kinder müssen ihre Gefühle kennenlernen und in der Lage sein, sie zu kennen und nennen, sie zu akzeptieren, und über sie zu sprechen. Sie lernen dies weitgehend, wenn sie sehen, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen. Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig das ist. Kinder, die ihre Emotionen kennen, können sie besser steuern und neigen viel seltener zu selbstzerstörerischen Verhaltensweisen wie Drogenmissbrauch, Schneiden und Essstörungen.[1]

Wie helfen wir jungen Menschen, ihre Gefühle besser zu kennen?[2]

  • Lebe das Verhalten vor, das sie lernen sollen. Beispiele dafür findest du in meinem letzten Blog und in Jodys Zitat oben. Vorleben bedeutet, eigene Emotionen zu benennen und mit Kindern oder Schüler:innen darüber zu sprechen.
    • «Ich hatte gestern wirklich Angst, als ich das Mädchen auf die Straße rennen sah.»
    • «Ich war verwirrt und unsicher, was ich als nächstes tun sollte, als ihr euch geweigert habt, meinen Anweisungen zu folgen. Ich bin gespannt, was bei euch los war.»
  • Bringe ihnen bei, dass Gefühle immer akzeptabel sind, aber Handlungen nicht immer. Es ist unsere Aufgabe als Erwachsene, schädliche oder verletzende Handlungen zu unterbinden – und akzeptable Alternativen beizubringen.
    • «Ich sehe, dass du gerade richtig wütend bist, und ich glaube, dich zu verstehen. UND du musst aufhören, Gegenstände zu werfen. Es ist in Ordnung, wütend zu sein. Es ist nicht in Ordnung, Dinge zu werfen.»
    • Dann, in einem späteren Gespräch, wenn alle Beteiligten emotional ruhig sind: «Was kannst du das nächste Mal tun, wenn du diese Gefühle hast, damit du weder anderen, noch dir selbst weh tust oder Gegenstände zerstörst?»
  • Bringe ihnen bei, dass Gefühle vergänglich sind. Gefühle können so groß und mächtig erscheinen! Es kann hilfreich sein, sich daran zu erinnern, dass sie ganz natürlich kommen und gehen – und dass wir größer und stärker sind als unsere Gefühle.[3] «Lass uns nicht reden, während du/wir wütend sind. Wir werden nur Dinge sagen, die wir bereuen werden. Lasst uns eine Pause machen und etwas tun, um uns besser zu fühlen. Und später reden wir darüber, wenn wir ruhiger sind.»
    • «Du bist gerade echt wütend! Das ist ein großes Gefühl. Was möchtest du tun, was für dich und andere ungefährlich ist?
  • Habe den Mut, mit den starken Emotionen deiner Kinder oder Schüler:innen präsent zu bleiben. Es ist nicht deine Aufgabe, ihre Gefühle zu ändern oder zu erklären.[4] Wenn sie sehen, dass Erwachsene sich mit starken Gefühlen wohlfühlen, lernen Kinder dies auch zu tun. Tatsächlich denke ich, dass sie starke Gefühle von Natur aus akzeptieren und erst von Erwachsenen lernen, dass Gefühle bedrohlich sind!

«So sage ich’s meinem Kind» – ein wunderbares Buch!

Das Erziehungsbuch, das mir am meisten geholfen hat, als meine Kinder klein waren, war «So sage ich’s meinem Kind» von Adele Faber und Elaine Mazlish (ich habe die Positive Discipline erst entdeckt, als unsere Söhne 10 und 12 waren). Ich habe aus diesem Buch gelernt, was für eine starke Wirkung es hat, unseren Kindern einfach zuzuhören und dann das Gefühl zu benennen, das sie haben. Wenn sich eine Person wirklich verstanden fühlt, kann sie sich entspannen. Sie fühlt sich sicherer.

Hier ist ein letzter Tipp aus diesem Buch, der uns helfen kann, auf starke Gefühle zu reagieren: «Manche Kinder können Ihnen sagen, warum sie Angst, Wut oder Unglück spüren. Für viele aber, wenn wir die Frage „Warum?“ stellen, trägt das nur zu ihrem Problem bei. Zusätzlich zu ihrer ursprünglichen Not müssen sie nun die Ursache analysieren und eine vernünftige Erklärung finden.» (S. 28)

Schlusswort

Im letzten Blogbeitrag habe ich meine ganz persönliche Geschichte mit dem Thema Wut erzählt. Wie ging die Geschichte mit meinen eigenen Kindern weiter? Nun, weil Kathleen und ich «So sage ich’s meinem Kind» schon in jungen Jahren sehr gut mit unseren Kindern angewendet haben, sind unsere beiden Söhne in der Lage, offen über ihre Gefühle zu sprechen. Sie haben gelernt, ihre Gefühle zu haben, ohne sie an anderen auszulassen (normalerweise – zum Glück sie sind immer noch Menschen😉).

Nach diesem zweiten Blogartikel zum Thema Wut bleibt noch viel dazu zu sagen und zu diskutieren. Ich wiederhole, dass ich alle Kommentare und Fragen begrüsse und auf alle antworten werde. Wenn niemand etwas dagegen hat, werde ich beim nächsten Mal ein neues Thema wählen. Hausaufgaben? Geschwisterstreit? Klassenführung? Digitale Geräte? Dies sind einige Ideen, die ich in Betracht ziehe, aber ich bin offen für Vorschläge! Danke, dass du dir Zeit genommen hast, diesen Artikel zu lesen.



[1] Von der Website Psychology Today: «Jahrzehntelange Forschung hat den Zusammenhang zwischen Defiziten der Emotionsregulation und Sucht bestätigt. Insbesondere Personen mit Schwierigkeiten, Emotionen zu regulieren, haben ein höheres Risiko, Drogen zu konsumieren oder Suchtverhalten zu zeigen (Dingle et al., 2018; Prosek et al., 2018; Estevez et al., 2017; Cashwell et al., 2017).» https://www.psychologytoday.com/intl/blog/understanding-addiction/202107/is-emotion-regulation-the-key-addiction-prevention Artikel von Amanda L. Giordano Ph.D., LPC

[2] Jody McVittie hat einen Blog zu diesem Thema, in dem sie sich auf Dr. Dan Siegels Hand Model of the Brain bezieht. Sehen Sie, wie Siegel es auf Youtube erklärt: https://www.youtube.com/watch?v=f-m2YcdMdFw&ab_channel=Dr.DanSiegel

Lesen Sie Jodys Blog: . https://www.sounddiscipline.org/2010/getting-our-brains-and-bodies-to-work-together/

[3] Der berühmte vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh sagte oft, dass Gefühle wie Wolken an einem windigen Tag seien. Sie ziehen sich vor der Sonne und dann vergehen sie wieder. In seinem Buch „Frieden sein“ schrieb er: «Ich würde Wut nicht als etwas Fremdes betrachten, gegen das ich kämpfen muss, das ich operieren muss, um es zu beseitigen. … Ich muss mit meiner Wut umgehen, wie ich mich um einen jüngeren Bruder oder eine jüngere Schwester kümmern würde, mit Liebe und Sorgfalt.» (ISBN: 0-938077-00-7 S. 40)

[4] Faber/Mazlisch schrieben in ihrem Elternklassiker How To Talk So Kids Will Listen And Listen So Kids Will Talk «Kinder müssen nicht mit ihren Gefühlen einverstanden sein, sie müssen anerkannt werden. Die Aussage ,Du hast völlig recht‘ mag für den Moment befriedigend sein, kann ein Kind aber auch davon abhalten, die Dinge selbst zu überdenken.» (ISBN: 0-380-57000-9, S.28)

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