Kind weigert sich wenn es Zeit ist zu gehen.

März 14, 2021

Ist es dir auch schon passiert, dass ein Kind sich geweigert hat, das zu tun, was du von ihm verlangt hast? Im heutigen Blog erzählt eine Mutter, was sie eines Abends mit ihrem 5-jährigen Kind erlebt hat. Es war nicht schön! Die Verweigerung führte zu einem Machtkampf und der Machtkampf zum Rachezyklus. Wie kann man in so einer Situation handeln, damit das Kind das Notwendige tut und der Frieden bewahrt wird? Es gibt einige guten Möglichkeiten! Aber ich will nicht vorgreifen. Lassen wir die Mutter erzählen – und Jane Nelsen antworten.
Link zum Originaltext auf Englisch: Jane’s Blog

​Geniesse die Lektüre! -KC

Frage:
Ich bin eine alleiner-ziehende Mutter und habe einen 5-jährigen Sohn namens Sean. Gestern Abend habe ich ein Seminar mit Jane Nelsen besucht, nachdem ich den ganzen Tag gearbeitet hatte. Während ich auf dem Seminar war, war Sean in einer Kindertagesstätte (Klubhouse), die bis in den späten Abend geöffnet ist. Sean liebt es dort und er liebt die Tagesmutter. Mein Problem ist, dass ich immer einen Machtkampf mit ihm habe, wenn es Zeit ist zu gehen, sei es vom Klubhouse, von seiner Tagesmutter oder vom Park – egal von wo.

Ich habe es mit «Konsequenzen» versucht, also ihm ein übliches Privileg (Geschichtenzeit, Gutenachtlieder, ein Lieblingsspielzeug usw.) zu entziehen. Es funktioniert nicht immer und es funktioniert nie, wenn ich zum ersten Mal frage. Besonders schlimm war es gestern, das Klubhouse zu verlassen – ich weine, während ich dir das erzähle. Als ich gestern Abend ankam, um ihn zu holen, fragte Sean, ob er noch 2 Minuten bleiben könne, um Nintendo zu spielen. Ich stimmte zu. Während dieser 2 Minuten bezahlte ich die Rechnung und benützte die Toilette. Dann sagte ich zu Sean: „Okay, Schatz, deine 2 Minuten sind abgelaufen. Zeit zu gehen.“ Darauf antwortete er: „Ich möchte noch mehr spielen – nur noch einmal.“ Ich sagte nein und als er die Spielkonsole nicht verlassen wollte, schaltete ich sie aus und sagte: „Sean, es ist Zeit zu gehen. Der Laden schliesst jetzt.“ (Was stimmte). Also stand er auf und ging erst Richtung Haustür, rannte dann aber in den Fernsehraum, in dem ein Film lief. Also schaltete ich den Fernseher aus (er fing an zu kreischen) und sagte ihm, er könne sich einen Zeichentrickfilm ansehen, sobald wir zu Hause sind. Darauf kauerte Sean einfach in der Ecke und sagte: „Ich will nicht nach Hause gehen.“ Du siehst, in was für einer Situation ich mich befand.
​Ich musste ihn schliesslich hoch heben – tretend, schreiend und weinend – zum Auto tragen und, da er nicht in seinen Autositz steigen wollte, musste ich ihn hineinzwingen. Er ist ein typischer 5-jähriger, das war also keine Kleinigkeit. Während ich losfuhr, sagte er: „Du bist wirklich dumm! Ich liebe dich nicht! Ich werde dir das Gesicht abreissen, damit du stirbst!“ Er fuhr ungefähr zwei Kilometer lang mit „Du bist dumm“ fort. (Dieses Wort ist in unserem Haus nicht erlaubt – also weiss er, dass er mich damit in Rage bringt.) Bis wir die Autobahn erreichten, hat er abwechslungsweise geweint und mich dumm genannt. Ich flippte aus und gab ihm eine Ohrfeige und sagte ihm, er solle die Klappe halten und mit dem Gerede aufhören. Er weinte dann unkontrolliert und für die kurze Fahrt auf der Autobahn schrie er nur und ich war nahe dran, in Tränen auszubrechen. Als wir nach Hause waren, schnallte ich ihn ab und fragte, ob er mit mir kuscheln wolle, was er auch tat. Er schluckte und weinte einige Minuten lang auf meiner Schulter. Ich sagte ihm, dass es mir leid tat, dass ich ihn geschlagen hatte. Wir haben dann gemeinsam eine Auszeit im Schaukelstuhl genommen. Der Rest des Abends verlief ereignislos und wir gingen beide kurz danach ins Bett.

Wie kann ich solche Kämpfe vermeiden? Ich kann ihn nicht „bleiben“ lassen, wenn ein Ort schliesst. Ich gebe ihm ständig „noch 2 Minuten“ für alles. Das Ganze bringt mich so weit, dass ich aus Angst vor solchen Auseinandersetzungen, nicht mehr mit ihm in die Öffentlichkeit gehen möchte.

Bitte hilf mir.

Angie
Antwort:
Angie, ich möchte mit dir weinen. Ich habe das selber erlebt und weiss, wie schrecklich es sich anfühlt. Deshalb bin ich so dankbar, dass ich die Methoden der Positive Discipline gefunden habe.

Während meines Vortrags hatte ich erklärt, dass ein „sich schlecht benehmendes Kind ein entmutigtes Kind ist“. Aber ich hatte keine Zeit, mich mit den vier falschen Zielen des Verhaltens zu befassen: unangemessene Aufmerksamkeit, fehlgeleitete Macht, Rache und vermutete Unzulänglichkeit. Ich werde mir jetzt keine Zeit nehmen, mehr über diese Ziele zu sagen, aber du kannst auf unserer Website nach „falschen Zielen“ suchen und viele Informationen dazu finden – und in unseren Büchern gibt es die Tabelle der falschen Ziele. Ich hoffe, du befasst dich intensiver mit den falschen Zielen, damit du meine Vorschläge noch besser verstehst.*

Es ist für dich offensichtlich, dass du in einen Machtkampf verwickelt bist – einen, der in dem beschriebenen Fall zu einem Rache-Zyklus eskalierte. Und du hast bereits gelernt, dass Bestrafung (auch wenn sie als «Konsequenz» schlecht getarnt ist) nicht effektiv ist. Du kannst eine oder mehrere der folgenden Möglichkeiten ausprobieren:

hug

1. Bitte ihn zuerst um eine Umarmung, anstatt ihm zu sagen, dass es Zeit ist zu gehen. Dann sage: „Ich kann kaum erwarten zu hören, wie viel Spass du heute im Klubhouse hattest. Erzählst du mir davon im Auto?“

2. Bitte um seine Hilfe. „Ich brauche deine Hilfe. Würdest du meine Handtasche für mich zum Auto tragen?“

3. Verwende Humor. „Hier kommt das Kitzelmonster, um kleine Kinder zu holen, die nicht bereit sind zu gehen.“

blog 4 bunny4. Biete ihm eine Auswahl an. „Ich frage mich, wie du heute Abend ins Auto kommst – hüpfst du wie ein Hase oder schwingst du deine Arme wie den Rüssel eines Elefanten?“

blog 4 elephant

5. Bitte ihn, anderen zu helfen. „Sie sind bereit zu schliessen. Was könntest du tun, um ihnen zu helfen?“, Oder „Frag doch nach, ob sie möchten, dass du das Licht ausschaltest oder die Tür für sie aufhältst.“

6. Gib ihm eine Uhr mit einem Sekundenzeiger und sage: „Ich brauche ungefähr zwei Minuten, um die Rechnung zu bezahlen. Achte darauf, dass der Sekundenzeiger zweimal herumläuft, und hole mich dann ab, wenn meine zwei Minuten abgelaufen sind.“

​7. Versuche, was ich die «Wippe» nenne. Nimm ihn bei der Hand und führe ihn sanft zum Auto. Wenn er sich widersetzt und an dir zieht, entspanne dich und lass deinen Arm locker. Er wird aufhören zu ziehen, wenn du aufhörst. Ziehe dann vorsichtig in Richtung Auto, bis er sich wieder widersetzt, und lasse dann wieder locker. Ich nenne es die Wippe, weil es so aussieht. Sage die ganze Zeit kein Wort, sondern gib mit deiner Körpersprache eine freundliche und bestimmte Botschaft . Sobald er sieht, dass du nicht gegen ihn kämpfen wirst UND du nicht aufgeben wirst, kann er sich entscheiden mit dir zu kommen. Der Schlüssel ist, keine Worte zu benutzen und gleichzeitig freundlich und bestimmt zu bleiben.

Viele Leute sehen einige dieser Ideen als „Belohnung für das Fehlverhalten“ an. Wenn du falsches Zielverhalten verstehst, wirst du feststellen, dass sie den Kreislauf der Entmutigung durchbrechen und einem Kind helfen, sich besser zu verhalten, nachdem es sich besser fühlt. Einige der Ideen sollen das Kind von der Verwendung von „fehlgeleiteter Macht“ zur Verwendung von „nützlicher Macht“ umleiten.

Du hast die liebende Verbindung mit deinem Kind wiederhergestellt.

Es könnte dich etwas trösten zu wissen, dass dies ein häufiges Problem von Eltern 4-6-Jähriger ist. Ich hoffe, dass du eine Kopie von «Positive Discipline» (auf Deutsch: Kinder brauchen Ordnung) findest und den Abschnitt über falsche Ziele liest. Es wird dir helfen zu verstehen, dass die Art und Weise wie dein Sohn die Situation wahrnimmt sich SEHR von deiner Sichtweise unterscheidet. Ich vermute aus der Ferne, dass er sich überfordert und verletzt fühlt (was in keiner Weise bedeutet, dass du ihn verletzen wolltest, es ist nur seine Wahrnehmung). Der wichtigste Hinweis ist, dass seine Aussagen, die dich verletzend wahrscheinlich die schlimmsten Aussagen sind, die er sich ausdenken kann, um in jenem Moment sein Selbstbewusstsein wiederzugewinnen.

Du verstehst, dass er eigentlich Liebe braucht. Du hast es viel besser als die meisten Eltern geschafft, die liebende Verbindung mit deinem Kind wiederherzustellen und das Problem zu lösen. (Den meisten Eltern würde es nach dieser Art von Konflikt nicht in den Sinn kommen, eine Auszeit – oder wirklich eine Innig-Zeit – in einem Schaukelstuhl zu nehmen.) Beeindruckend!

Für deinen Sohn ist jeder Übergang eine Herausforderung. Insbesondere Übergänge, bei denen du die Regeln festlegst oder, genauer, wenn ER fühlt, dass du die Kontrolle hast und die Regeln festlegst. Dies bedeutet nicht, dass du keine Grenzen setzen solltest – du sollst. Aber wenn du es tust, nutze die Situation, um ihm so viel Kontrolle wie möglich zu geben, WÄHREND DU IMMER NOCH DEINE BEDÜRFNISSE UND DICH SELBST RESPEKTIERST.

Was war unsere Vereinbarung?

​Wenn er dir beispielsweise „zwei Minuten“ sagt (er will die Zeit bestimmen), nutze diese Gelegenheit einfach etwas mehr. Hier ist ein Beispielgespräch:

Du: Wie viel mehr Zeit brauchst du?

Er: Zwei Minuten.
Du: Hmm … ich denke, ich kann dem zustimmen. Woher wissen du und ich, dass zwei Minuten vergangen sind?

Er: (er weiss es vielleicht nicht … aber einige Computerspiele haben eine Zeitanzeige, es kann eine Uhr im Raum sein oder es könnte eine Digitaluhr am Handgelenk von jemandem sein)

Du: Du sagst also, dass du etwas mehr Zeit brauchst und dass du in zwei Minuten bereit zu gehen sein wirst.

Er: Ja.

Du: Okay, das ist in Ordnung für mich. Ich werde die Rechnung bezahlen, zurückkommen und dann werden wir schauen, ob zwei Minuten vergangen sind. (Wenn du glaubst, dass es länger dauern wird, kannst du zu Beginn vorschlagen, dass heute sogar 3 oder 4 Minuten in Ordnung sein könnten. Es ist am besten, wenn du noch vor Ablauf der Zeit zu ihm zurückkehrst. Mach eine Bemerkung, dass die Zeit noch nicht ganz abgelaufen ist und sage … Ich bin bereit, aber gemäss unserer Vereinbarung ist deine Zeit noch nicht abgelaufen, also werde ich geduldig warten.)

Wenn es dann soweit ist, sagst du: Ok Schatz, jetzt ist die Zeit um.

Er: Aber ich will mehr Zeit.

Du: (freundlich, bestimmt, auf seiner Ebene) Was war unsere Vereinbarung?

Er: (Er wird wahrscheinlich streiten)

Du: Was war unsere Vereinbarung? (Dies muss möglicherweise wiederholt werden … und er wird wahrscheinlich eine Szene machen, aber du wirst respektvoll bleiben und er wird es „verstehen“ und widerwillig einhalten. Ignoriere das Theater und sage einfach „Danke, dass du unsere Abmachung einhältst.»)

Ich hoffe, dass eine (oder mehrere) dieser Ideen für dich funktionieren!
Jane Nelsen

* Nur drei der vielen Bücher, die Jane Nelsen geschrieben, sind bis jetzt auf auf Deutsch übersetzt worden. Die Tabelle der falschen Verhaltensziele ist in allen der drei Bücher.

  • Der grosse Erziehungsberater, ISBN 3-423-36095-X
  • Kinder brauchen Ordnung, ISBN 3-905011-30-1
  • Die positive Auszeit, ISBN 978-3-7655-1422-7

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