Kürzer: Wut – ein Gefühl, das von starkem Ärger bis Zorn bestimmt ist und bei dem die Betroffenen häufig laut werden bzw. schreien.
Wut an den Schüler:innen bzw. Kindern in eben beschriebenem Sinne auszulassen, kann kurzfristig die gewünschte Wirkung erzielen – sie hören mit dem störenden Verhalten auf. Was aber in ihrem Inneren passiert ist sowohl für sie als auch für die Erwachsenen kontraproduktiv.

Meine ganz persönliche Biografie mit der Wut

Ich war der Jüngste von vier Jungen und Sohn von Eltern, die mit Emotionen nicht viel anfangen konnten. Da lernte ich: «Man darf nicht wütend sein!» Daher wurde ich fast nie wütend. Wenn es dann doch einmal so war, litt ich dann schnell darunter, kleiner und weniger stark zu sein.
Die Folge war, dass ich als junger Erwachsener merkte: ich verspürte zwar Wut, unterdrückte diese aber nach aussen. Zum Glück lernte ich mit der Zeit, meine Wut direkter und nicht verletzend auszudrücken.
Als junger Elternteil/Vater und Lehrer an der Ecole d’Humanité[1] hielt ich es für eine gute Idee, Kindern und Schüler:innen meine Wut von Zeit zu Zeit sehen zu lassen, solange ich es authentisch machte. Und das schien ziemlich effektiv zu sein. Kinder haben sich nicht mit mir angelegt, wenn ich wütend wurde. Ich betrachtete Wut als ein scharfes Schwert, das zur Wahrheit durchdringt.

Die Frage nach richtig oder falsch im Umgang mit der Wut

In diesem Blog geht es in einem ersten Schritt um uns Erwachsene und unsere Wut. Welche Rolle spielt unsere Wut in unserem Unterricht oder unserer Erziehung? Unter welchen Bedingungen ist sie nützlich – wann schädlich?
Was spricht dafür sie zu zeigen, was dagegen? Hier zwei sich widersprechende Aussagen:
Wut ist eine grundlegende menschliche Emotion, also sollten wir sie nicht unterdrücken. Oder?
Wut ist für viele Kinder eine beängstigende Emotion, also sollten wir sie nicht ausdrücken. Oder?
Welche Ansicht stimmt nun?
«Richtig oder falsch?» ist für mich nicht die richtige Frage, sondern … « wann und wie ist das Zeigen von Wut positiv und wann negativ? » Es ist keine Frage der Moral. Was für mich wichtig ist, sind die Auswirkungen unserer Wut.

Theoretisches, relevantes Hintegrund-Wissen von Expert:innen

In Kindern mehr zutrauen schreibt Michaeleen Doucleff, dass traditionelle Inuit niemals wütend auf ihre Kinder werden. Martha Tikivik erklärte: „Einem Kind gegenüber wütend zu werden, ist sinnlos. [Es] löst das Problem nicht. Es beendet lediglich die Kommunikation zwischen Kind und Mutter.»[2]

Laura Markham, Autorin von Peaceful Parent, Happy Kids, sagt: „Wenn wir Kinder anschreien, bringen wir ihnen bei, nicht zuzuhören.“, da sie sich inwendig schützen – und «zutun». Doucleff schreibt weiter, dass wir, wenn wir unsere Wut auslassen, dieses Verhalten unseren Kindern vorleben. Wir bringen ihnen bei, wütend zu sein! Markham stimmt zu: „Kinder lernen emotionale Regulierung von uns.“[3]

Auch der dänische Erziehungsexperte Jesper Juul spricht sich dagegen aus, Wut auszulassen, die seiner Meinung nach oft als Form von Gewalt erlebt wird. „Je erfolgreicher Eltern sich um die Integrität eines Kindes kümmern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt. Gewalt ist ein Eingriff in die Integrität von Kindern und damit schädlich für ihr Selbstwertgefühl.“ Juul fügt hinzu, dass die Wut von Erwachsenen oft traumatisierend für Kinder ist.[4]

Daraus folgt, dass unsere Wut

  1. nicht unser Problem löst, sondern der Kommunikation mit dem Kind/Schüler:in schadet.
  2. Kindern beibringt, nicht zuzuhören.
  3. Wut vorlebt, anstatt emotionale Regulierung beizubringen.
  4. die Integrität von Kindern/Schüler:innen verletzt und ihr Selbstwertgefühl schädigt.
  5. traumatisierend sein kann.

Die Expert:innen sind sich einig: Die Auswirkungen von Wut sind negativ, sowohl für die gesunde Entwicklung des Kindes als auch für die Beziehung zum Kind. In Positive Discipline lernen wir, dass Kinder ein Gefühl der Zugehörigkeit und Wichtigkeit brauchen, um zu gedeihen und sich gut zu entwickeln.
J. Juul sagt es so:


„Unser Bedürfnis, uns von den Menschen geschätzt zu fühlen, die wir lieben und die uns wichtig sind, ist ein tief verwurzeltes menschliches Bedürfnis.“[5]


Wenn wir Erwachsenen wütend mit ihnen werden, bekommen Kinder und Schüler:innen die unbewusste Botschaft, dass sie nicht wertgeschätzt werden, dass sie nicht dazugehören und uns nicht wichtig sind.

Was können wir mit unserer Wut anfangen?

Wie können wir Erwachsenen dann mit dieser grundlegenden menschlichen Emotion (die ja so destruktiv sein kann) umgehen, wenn sie auftaucht?! Ich bin sicher, dass du bereits einige eigene Lieblingsmethoden hast, um deine Wut zu bändigen, wenn du spürst, dass sie aufsteigt. Schon das Wissen, dass es eine schlechte Idee ist, aus Wut gegenüber deinen Schüler:innen oder Kindern zu handeln, kann hilfreich sein. Hier sind drei Ideen, die du deinem Repertoire hinzufügen kannst:

  • dich abwenden und etwas Beruhigendes zum Anschauen finden. Tief durchatmen.
  • es nicht persönlich nehmen. Sie sind jung und haben sozial hilfreiches Verhalten noch nicht gelernt. Es ist deine Aufgabe, es ihnen beizubringen. Fange jetzt damit an, ihnen die Selbstregulierung vorzuleben.
  • sagen: „Ich bin wütend, also muss ich den Raum verlassen. Wir können darüber reden, wenn wir beide wieder ruhig sind.“ Sage dies in einem neutralen Ton und so ruhig wie möglich.

In einem früheren Blog habe ich einen Artikel von Jane Nelsen, Gründerin von Positive Discipline, übersetzt. Dieser Artikel hat weitere hilfreichen Gedanken zu diesem Thema. Hier der Link: https://connections-eb.com/blog/die-kontrolle-ueber-dein-verhalten/

Fazit

Zu diesem Thema gibt es noch so viel zu schreiben! Ich hoffe, dass genau diese „Unvollständigkeit“ in meinem Beitrag in dir weiter arbeitet. So freue ich mich über deine Fragen und Kommentare. Ich werde auf jede E-Mail persönlich antworten.

Abschliessend möchte ich hinzufügen: Sei liebevoll mit dir selbst! Es braucht Übung, deine Wut immer im Griff zu haben – vor allem wenn du das Gefühl hast, dass eine Situation im Klassenzimmer oder in der Familie ausser Kontrolle geraten ist. Wenn du ausflippst, besprich es mit den Betroffenen – später. Entschuldige dich und sprich mit der Klasse oder Familie darüber, wie ihr solche Situationen in Zukunft vermeiden könnt. Den Mut zu haben, dich zu entschuldigen und aus deinen Fehlern zu lernen, ist eine wunderbare Fähigkeit, die du den jungen Menschen vorleben kannst! – und das Schönste: Häufig ist nach einer Entschuldigung die Beziehung besser als zuvor.

Ich höre oft das Feedback, dass ich immer so ruhig bin und dass sich die Menschen bei mir sicher fühlen. Das ist ein grosses Kompliment, gerade weil es nicht immer so war.


Der nächste Blog: ihre Wut!

Vielleicht fragst du dich: Alles schön und gut mit meiner Wut, was aber mit der Wut der Kinder und Schüler:innen? Sie sind es ja, die oft wütend werden! Just das wird im nächsten Blog näher erläutert: Wie gehen wir mit ihrer Wut um, ohne alles noch schlimmer zu machen, ohne dass unsere Beziehung kaputt geht?


[1] Die Ecole d’Humanité ist das international Internat an dem ich 18 Jahre lang unterrichtet und mit 10 Jugendlichen als Betreuer gelebt habe. Dazu war ich in der Schulleitung. Siehe https://connections-eb.com/ueber-uns/#kc-hill

[2] Kindern mehr zutrauen, von Michaeleen Doucleff, S. 173. ISBN 978-3-466-31152-1

[3] Kindern mehr zutrauen, von Michaeleen Doucleff, S. 175. ISBN 978-3-466-31152-1

[4] Von der Webseite The Natural Child Project, https://www.naturalchild.org/articles/guest/jesper_juul.html Artikel: Violence is Violence (Gewalt ist Gewalt)

[5] Vom Family Lab Magazine 1st Issue. https://issuu.com/hansso/docs/fla_magazine-01-preview/s/10912611